Kurzarbeit für die Einen und Überstunden für die anderen? Und: Auch „Alltagsheld*innen“ müssen essen – Arbeiten in Zeiten von Corona

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

wir befinden uns in außergewöhnlichen Zeiten. Wir leben fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden und wenn wir vor die Tür gehen, dann fahren wir zur Arbeit oder gehen im Supermarkt einkaufen. Ansonsten machen wir einen großen Bogen um unsere Mitmenschen. Viele von uns haben mit organisatorischen, finanziellen und psychologischen Auswirkungen zu kämpfen. Aber viele von uns erleben auch, dass gerade Solidarität gelegt wird. Die Welt scheint still zu stehen und doch ist alles in Bewegung.

Wir brauchen einen sofortigen staatlichen Notfallplan zur Herstellung von Masken und Schutzausrüstung!

An der Unimedizin Essen gibt es derzeit ausreichend Schutzmaterial, versicherte der zuständige Personaldezernent Ralf Zimmermanns ver.di gegenüber am vergangenen Freitag. Doch überall versuchen Krankenhäuser verzweifelt Quellen für Masken und Schutzausrüstungenaufzutun. In den Alten- und Pflegeheimen ist der Mangel noch dramatischer. Und in der ambulanten Pflege und der hauswirtschaftlichen Versorgung arbeiten Kolleg*innen zum Teil bereits jetzt ohne angemessene Schutzkleidung – mit allen Risiken, die dies für sie und die Patient*innen bedeutet. In Spanien und anderen Ländern ist diese fehlende Schutzkleidung mit ein Grund, warum so viele Pflegekräfte und Ärzte an Covid-19 erkranken!

Nun versucht die Bundesregierung auf dem leergefegten Weltmarkt ein paar überteuerte Masken zum tausendfachen Preis zu ersteigern. Sie behauptet, mehr könne sie nicht tun. Doch das stimmt nicht. Viele Kleinstbetriebe und soziale Einrichtungen haben mit spontanen Initiativen den richtigen Weg gewiesen. Sie haben in kleinem Rahmen Schutzkleidung hergestellt. Doch um das Gesundheitswesen mit ausreichend medizinischer Schutzkleidung zu versorgen, sind eine zentrale Planung und die Produktionskapazitäten größerer Betriebe nötig.

Das Fehlen der Schutzkleidung ist ein echter Notstand, und er wird nicht morgen vorbei sein. Die deutsche Regierung hat in wenigen Tagen ein Computerprogramm und mehrere Tausend Beschäftigten organisiert, um die Anfragen der Unternehmen nach staatlicher Unterstützung zu zentralisieren und zu bearbeiten. Aber um die Gesundheit der Beschäftigten und der Bevölkerung zu schützen, soll eine zentrale und staatliche Organisation von Teilen der Wirtschaft nicht möglich sein?

ver.di fordert bundesweit, Schutzausrüstungen zu beschlagnahmen und für eine zügige Verteilung zu sorgen. Alle gewerblichen Firmen, die dazu beitragen können, müssen jetzt verpflichtet werden, ihre Produktion umzustellen und dringend benötigte Schutzanzüge, Mundschutz und Desinfektionsmittel herzustellen, um den Schutz der Beschäftigten und der Bevölkerung/Patient*innen sicherzustellen – ob diese wollen oder nicht! In den USA hat Donald Trump ein Werk von General Motors gezwungen, Beatmungsgeräte herzustellen. Warum sollte das in Deutschland nicht möglich sein?

Welche Rechte und welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich ohne entsprechende Schutzkleidung arbeiten soll? Diese und andere Fragen beantwortet die Gewerkschaft ver.di hier: www.gesundheit-soziales.verdi.de/coronavirus/++co++c01b8006-6f3d-11ea-9a9a-001a4a160100

Auch „Heldinnen des Alltags“ müssen Miete zahlen: Reinigungskräfte am Uniklinikum Essen fordern mehr Lohn und mehr Zeit für ihre Arbeit!

Im Zuge der Corona-Krise haben sich Reinigungskräfte der Gebäudeservice GmbH mit einer Unterschriftenaktion an den Vorstand der Uniklinik gewandt: Sie fordern dauerhaft höhere Löhne und mehr Zeit, um die Stationen und anderen Bereiche des Krankenhauses zu reinigen. Auch Pflegekräfte und Ärzte haben unterschrieben.

Die Kolleginnen aus dem Reinigungsdienst schreiben: „Wir gehen bei unserer Arbeit Risiken für unsere Gesundheit ein. Wir sind wichtig für dieses Krankenhaus. Nicht nur in Zeiten von Corona – aber jetzt besonders.“

Derzeit erhalten sie für diese wichtige Arbeit einen Lohn, der so niedrig ist, dass sie ihn teilweise noch mit Hartz IV aufstocken müssen! Seit das Uniklinikum Essen die Reinigung in eine Tochterfirma ausgegliedert hat, werden sie dort nicht mehr nach dem Tarifvertrag der Länder bezahlt. Statt mindestens 14,25 Euro Stundenlohn erhalten sie nur 10,80 Euro (plus einer Zulage für die Arbeit auf Infektionsbereichen), und dies durchweg in unfreiwilligen Teilzeitverträgen. Unsere Kolleginnen fordern, dass sie den Tariflohn des Uniklinikums bekommen.

Außerdem erwarten sie, dass sie mehr Zeit für ihre Arbeit erhalten. Denn in den letzten zwanzig Jahren wurde die Zahl der Quadratmeter, die sie in ihrer Arbeitszeit reinigen müssen, massiv erhöht – auf Kosten ihrer Gesundheit und der Hygiene.  

Arbeitsminister Heil hat Anfang letzter Woche zu der Corona-Krise erklärt: „Wir sehen gerade unglaublich viele Heldinnen und Helden des Alltags. Diese Menschen haben nicht nur warme Worte, sondern langfristig auch bessere Löhne verdient“. Das Uniklinikum Essen als öffentliche Einrichtung hätte jetzt eine Gelegenheit, mit gutem Beispiel voranzugehen. Bisher gibt es allerdings keine Bewegung: bei einem Gespräch zwischen ver.di Vertreter*innen und Herrn Zimmermanns – der gleichzeitig Personaldezernent an der Unimedizin und Geschäftsführer der Gebäude Service GmbH ist – wurde schnell deutlich, dass es sofort lobende Worte, aber nicht sofort mehr Lohn und Zeit für die Kolleg*innen geben wird. In Düsseldorf werden die Beschäftigten der Servicegesellschaften seit einem Jahr nach dem gleichen Tarif bezahlt, wie ihre Kolleg*innen, die direkt bei der Uniklinik arbeiten. Es ist völlig unverständlich, warum das in Essen nicht möglich sein kann. Wir bleiben dran! Bitte unterstützt auch ihr die Kolleg*innen der GSG! 

Kurzarbeit statt sinnvoller Unterstützung im Uniklinikum

Weil zurzeit weniger Essen für die Patient*innen gekocht werden muss, sollen 19 Kolleg*innen der Firma Klüh – die am UK die Küche bewirtschaftet –  in Kurzarbeit geschickt werden – und zwar ohne, dass die reiche Firma Klüh ihr mageres Kurzarbeitergeld auch nur um einen Cent aufstocken will. Das ist wirklich ein Skandal!

Überall im Klinikum werden gerade helfende Hände gebraucht: Für notwendige Hygienemaßnahmen, zur Unterstützung der Transportdienste, zum Nähen von Mundschutz in der Näherei, in der Bettenaufbereitung, … Auch wenn die Klüh-Beschäftigten formal in einer anderen Firma arbeiten – sie arbeiten jeden Tag hier am Klinikum und deswegen gehören sie genauso zu uns, wie die Reinigerinnen der GSG und Medita. Bevor ein Klüh-Kollege von 60 % seines Nettoeinkommens in Kurzarbeit leben muss, rücken wir lieber alle etwas zusammen. Arbeit ist gerade jetzt genug da!

Stopp von Betten- und Klinikschließungen!

Noch immer ist unabsehbar, wie sich die stationäre Versorgung der Corona-Patienten entwickeln wird. Doch zumindest in den ersten Wochen war die Lage in den deutschen Krankenhäusern sehr viel besser als in Frankreich, Spanien oder Italien.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass bei unserem Gesundheitssystem – sowohl in der Vorsorge wie in der Krankenhausversorgung – noch nicht ganz so viel eingespart wurde wie in anderen Ländern. Die südeuropäischen Staaten haben in noch viel größerem Ausmaß Betten, Intensivbetten und Krankenhäuser geschlossen, damit jedes verbleibende Bett und jeder OP möglichst permanent belegt ist. Auch die ambulante Versorgung, die Laborkapazitäten – überhaupt alles wurde massiv gekürzt.

Heute sehen wir in unseren Nachbarländern, welche Folgen diese Sparpolitik im Gesundheitswesen hat. Und deshalb darf diese Sparpolitik nicht weitergehen. Die Pläne der Bundesregierung, zahlreiche Betten und Krankenhäuser zu schließen, müssen gestoppt werden!

Der Schutz der Risikogruppen beginnt mit besseren Bedingungen in den Pflegeheimen!

In den letzten Tagen hören wir immer wieder von Alten- und Pflegeheimen, in denen viele Bewohner*innen und Pflegekräfte an Covid-19 erkrankt sind. Einige von ihnen sterben. In den Alten- und Pflegeheimen leben fast ausschließlich Menschen, die zu den Risikogruppen gehören. Aber gerade diese Menschen sind besonders schlecht geschützt – und die Pflegekräfte ebenfalls!

Wie sollen die Pflegekräfte die Hygieneregeln einhalten, wenn sie allein für eine ganze Station zuständig sind, von Zimmer zu Zimmer rennen und sie obendrein keine Schutzausrüstung haben?

Schon vorher haben unsere Kolleginnen und Kollegen in den Pflegeheimen nur mit extremen persönlichem Einsatz halbwegs erträgliche Bedingungen für die Bewohner*innen aufrechterhalten. Diese Zustände waren schon vorher unerträglich. Und sie sind heute eine wirkliche Bedrohung für die Gesundheit der Bewohner*innen – wie die der Pflegekräfte. Was sie brauchen, sind keine warmen Worte, sondern endlich und sofort mehr Material und mehr Personal!

Passt aufeinander auf und bleibt gesund!